Erlebnisse

1. Logbuch eines gewöhnliche Städtefluges und eines ungewöhnlichen Theaterbesuches


Im folgenden habe ich meine Eindrücke zweier Ferientage stichwortartig festgehalten. Als kurze Einführung hier noch einige vollständige Sätze. Im Mai packt mich jeweils die Reiselust, mit dem Ziel innert weniger Tage etwas Interessantes oder Schönes zu erleben. Dieses Jahr standen mir noch einige Gratisflugmeilen zu, welche für einen Europa-Städteflug in Business-Class reichten. Das Ziel war für mich klar: -Wien- mit Einkaufen und wenn möglich abendlichem Ausgang in die Staatsoper. Da ich Kravatten bei mir nicht leiden kann, blieb mir nichts anderes übrig, als das Gala-Outfit von Petra Bella einzupacken.

Dienstag 23.5. - Donnerstag 25.5.2000

Dienstag
0300Schlaflose Nacht zuhause, Entschluss ein kpl. Galatenu und Schminkset auf die Reise mitzunehmen
0700Beginn Kofferpacken, nach Abschluss stehen 2 Koffer und ein Rucksack bereit
1150 Abflug Zürich, Terminal A, leichte Verspätung, schönes Wetter.
1400 Fahrt mit Bus zum Südbahnhof zum Hotel "Congress". (günstiges ***Hotel)
1500Zimmerbezug, Kofferauspacken. Innerlich noch unentschlossen, ob sich meine Fantasie umsetzen lässt. Vorerst mal in Drab die bekannten Secondhand-Läden durchstöbern.
1755 Die Opernhauskasse schliesst gerade, als ich nach Eintrittskarten für Mittwoch fragen will.
1800 Noch etwas "herumstreunen" auf der Kärntnerstrasse, Lokal für Nachtessen suchen. Ich entscheide mich für's "Gulaschmuseum" Nähe Stefansplatz. Rindsgulasch ist exzellent!
2100 Nachtlokal "Le Swing": Heute ist "Tranestietag" laut Wochenprogramm. (Sollte offenbar Travestie heissen, oder ist dies eine wienerische T-Spielart?) Drin sitzen einige Männer in Drag: 1 Amateur und 3 "Profi's" und die "Barmaid". Sonst ist die mittlere Beleuchtungstärke im Bereich von Millilux, und erlaubt nur schemenhaftes Erkennen der Gäste. Ich beginne mit dem Amateur, welche/r/ sich als Silvia vorstellt, etwas zu plaudern. Sie ist verheiratet, die Frau weiss nichts über Silvia. Sie betreibt eine eigene Installationsfirma für Fördertechnik. Am Mittwoch hat sie keine Zeit wegen Lieferproblemen/Ueberzeit, sonst hätten wir gerne gemeinsam etwas unternommen.
2330 Ich verlasse das Lokal obwohl bis 0200 geöffnet und fahre mit Tram und U-Bahn ins Hotel zurück.
Mittwoch
0300Ich werde wach und wälze mich im Bett, beginne die Varianten für den nächsten Abend durchzudenken. Zur Ablenkung lese ich etwas Zeitung bis ich einschlafe.
0700Die Sonne scheint ins Zimmer - Aufstehen!
0730Frühstücksbüffet, heute wird mit Rücksicht auf den kommenden Abend und die Figur schmal gegessen.
0800Wunderschöner Morgenspaziergang durch die herrliche Belveder-Parkanlage Richtung Karlsplatz. Zu früh, der Billetverkauf öffnet erst um 0930 ! Bummeln auf der Kärntnerstrasse! Im Vorbeiweg noch schnell ein Satz "Wimpers" zu 99.90 Schilling kaufen
0930Nun hat es an der Opernkasse bereits eine Schlange von 5 Personen, eigentlich kein Problem, aber der Mann am Schalter bedient mit ausgesuchter Umständlichkeit die Kundinnen vor mir. In meinem Kopf summt es: Hat es noch Logenplätze? Was wenn nein? Uebung abblasen?
0950Ich komme dran und erhalte glücklich ein Billet für das Ballett Romeo und Julia (Prokofieff) mit eingeschränktem Blick zur Bühne: Loge 2 Parterre, Platz 5, macht nix, Hauptsache man ist dabei!
1000Auf meiner Einkaufsliste steht noch der 2nd Hand Shop von Caritas, eine wahre Fundgrube! Ich finde das Gesuchte (2 Dirndl Blusen zu 90 S)
1100Mit Tram 62 und U1 zum Praterstern. Dort geniesse ich mein Picknick auf einer Parkbank (lasse aber die Tauben in Ruhe!). Blick auf Springbrunnen und Riesenrad.
1300Nun wird's Zeit für die Rückkehr ins Hotelzimmer, meine Nervosität steigt:die Aktion wird gestartet!
1400Im Badezimmer mache ich Auslegeordnung und beginne dann der Reihe nach mit Rasur, Gesichtscamouflage, Wimpermontage, Makeup, Puder, Lippen, Nägel, Perücke. Dazwischen verfolge ich mit einem Auge auf ORF2 eine passende Talkshow "Haben Männer Angst vor Frauen"? Auch zwei Drag Queen's kommen dabei zu Wort.
1850Inzwischen bin ich äusserlich fertig, (und innerlich fix und fertig), siehe auch kpl.Bildtafel. Nun bestelle ich bei der Reception ein Taxi auf 19 Uhr. Letzter Check vor dem Drehen des Zimmerschlüssels: Handtasche, Billet, Kleingeld.
1900Das Telefon klingelt: Taxi ist da! Lift nach unten, Zimmerschlüssel abgeben. Der Concierge grüsst mich wie wenn nichts wäre und wünscht mir viel Vergnügen.
1920Wir kommen trotz Abendverkehr gerade recht zur Opernvorfahrt. Taxi bezahlen, aussteigen, Lächeln aufsetzen und rein ins Vergnügen! Die Wandelhalle ist schon stark bevölkert. Mein Aeusseres scheint zu passen,und es gibt keinen "Skandal". Die Leute erwidern meinen Blick freundlich oder interessiert. Die Frauen schauen in der Regel zuerst. Der Platzanweiser zeigt mir meinen Platz. Toll! Direkt über dem Orchestergraben. Das Klanggemisch der noch probenden Musiker steigt auf. Nun betritt eine junge Wienerin die Loge. Sie hat den Platz 4 neben mir. Ich beginne etwas Konversation und leihe ihr meinen Operngucker für die ganze Zeit. Vor uns nehmen noch ein amerikanisches Paar und eine Japanerin Platz.
1930Pünktlich erlischt der Glanz der Kronleuchter, und die Vorstellung beginnt. Mein Blick verweilt meist beim Orchester,da ich die Bühne nur teilweise sehe: Es sind ca. 60 Musiker und welche Instrumentenvielfalt!: 2 Harfen, 6 Kontrabässe, 6 Cellos, etc. Auch 2 Mandolinen und 2 Gitarren sind dabei. Die Bläserseite ist ebenso eindrücklich mit klassischen Holz- und Blechinstrumenten ausgestattet. Ihr Spiel begeistert mich. Die Tänzerinnen und Tänzer sind ebenfalls Spitzenklasse.
2030Pause: Meine Platznachbarin Eva begleitet mich zur Wandelhalle, wo sie mit meinem Apparat ein paar Fotos von mir knipst. Darauf gehe ich zum Buffet um mir ein Glas Sekt zu holen, und die verstohlenen Blicke zu geniessen. Anschliessend begebe ich mich zur Toilette, um etwas nachzupudern. Auch dies scheint mittlerweile ein Routinevorgang zu sein. Die Glocke "scheppert", es tönt irgendwie gleich in allen Theaterhäusern der Welt. Zurück auf meinem Sitzplatz stelle ich fest, dass sich einige Operngucker im Zuschauerraum und von den Logen gegenüber auf meine Person richten. Ich reagiere mit Pepsodent-Lächeln, das Licht geht aus und dann folgt der 2. Teil.
2115Zweite Pause: Eva trifft eine Kollegin und stellt mich vor. Nach artiger Konversation lasse ich die zwei etwas allein, und schiebe mich durch das Gedränge an den Buffets vorbei zur grossen Terrasse im 1. Stock: Der Abend ist lau und die Abkühlung im Freien willkommen. Ein weisshaariger Herr zwinkert mir zu. Ich bin etwas verlegen und froh, dass Glocke wieder ertönt. In der Loge wird es gegen Ende der Vorstellung immer wärmer, und ich begreife jetzt, dass zum vollständigen Theateroutfit auch ein spanischer Fächer gehört. Behelfsmässig verschaffe ich mir Kühlung mit dem Programmheft.
2200Am Ende der Vorstellung werden Ballett-Truppe und Musiker mit langem Applaus gefeiert. Dutzende von Blumensträussen werden von der Loge gegenüber den Hauptdarstellern zugeworfen. Ich verabschiede mich von den amerikanischen Logennachbarn und von Eva.
2215Zu Fuss gelange ich zum nahegelegenen Hotel Sacher, um mit einem Stück Torte und einem Kaffee den Abschluss zu feiern. Der Kellner knipst mich ab (Bild) und dann suche ich draussen nach einem Taxi.
2300Mein Taxifahrer ist ein freundlicher Serbe, heisst Milan, und sagt, dass er noch ein Lokal kennt wo es auch solche (schrägen Vögel) wie ich habe. Ich lasse mich in seiner Begleitung dorthin führen. Die Bar nennt sich "Happy Night". Die Bardame ist aufgestellt, da wir zu den anwesenden 3 Stamm-"Damen", welche auf Kundschaft warten, offenbar eine Bereicherung darstellen. Nach einem Cüpli Sekt brechen wir wieder auf, und Milan fährt mich zum Hotel.
2330Der Nachtportier gibt mir den Zimmerschlüssel und wünscht der "gnädigen Frau" eine gute Nacht. Im Zimmer heisst es nun abschminken und Zähne putzen.
2400Endlich liege ich im Bett und lasse meine Gedanken etwas zurückschweifen. Für mich stimmte alles und ich finde sehr bald den Schlaf.
Donnerstag
1100 Rückreisetag in drab. Hier endet mein Logbuch, da es nichts Nennenswertes zu berichten gibt, und der Alltag wieder beginnt.